Wieso Equal Care für die Vereinbarkeit wichtig ist

Care Arbeit ist die unsichtbare Arbeit, die bei zwischenmenschlichen Beziehungen nötig ist. Darunter fällt sowohl das Kümmern um Kinder oder um (pflegebedürftige) Angehörige. Aber auch die unsichtbare Arbeit in Teams, die nötig ist, um das Teamgefühl aufrecht zu halten, zum Beispiel für Kaffeenachschub sorgen oder Geburtstagsgeschenke organisieren. Diese Arbeiten werden gesellschaftlich wenig anerkannt und typischerweise von Frauen erledigt. Sorgearbeit geschieht meist unsichtbar. Am 29. Februar findet der Equal Care Day statt, um genau darauf aufmerksam zu machen. Das Datum ist absichtlich auf den Schalttag gelegt. Es steht symbolisch für die unsichtbare Arbeit und die fehlende Anerkennung der Sorgearbeit. Solange Sorgearbeit nicht anerkannt wird, kann Vereinbarkeit nicht gelingen.

Care Arbeit ist vor allem weiblich

Frauen übernehmen über 50% mehr Sorgearbeit als Männer. Das hat der zweite Gleichstellungsbericht der Bundesregierung 2017 herausgefunden. Darin wurden auch Singlehaushalte und Haushalte ohne Kinder berücksichtigt. Wir alle wissen, dass Kinder im Haushalt mit deutlich mehr Sorgearbeit einher geht. Demnach wird der Anteil an Sorgearbeit, den Frauen in Familien übernehmen, wahrscheinlich noch höher sein. Auch Corona hat wenig an dieser Situation geändert. Zwar haben Männer/Väter in Zeiten des Home Office und Lock-Downs deutlich mehr Sorgearbeit übernommen. Den Löwenanteil stemmten nach wie vor die Frauen/Mütter. Lediglich die zusätzlich anfallenden Arbeiten wurden nahezu gleich aufgeteilt. Frauen leisten mehr Sorgearbeit, die unsichtbar und unbezahlt ist.

Kümmern und Geld verdienen geht nicht gleichzeitig

Das hat zur Folge, dass es meistens die Mütter sind, die sich zwischen dem bezahlten und dem unbezahlten Job zerreißen. Nahtlos geht es von der Teilzeitarbeit in die Familienarbeit ohne Zeit für Pause. Wahrscheinlich gibt es von den Kolleg:innen auch noch ein „Schönen Feierabend!“ oder ein „Du hast es gut.“ mit auf den Weg. Denn Sorgearbeit ist unsichtbar und wer „nur“ Teilzeit arbeitet hat den Rest des Tages frei. Dass nach dem Erwerbsjob direkt der nächste Job folgt sieht, kaum jemand. Mit Vereinbarkeit hat dies wenig zu tun. Eher mit ausbrennen auf lange Sicht.

Homeoffice mit Kinderbetreuung

Wie fest die Geringschätzung der Sorgearbeit in unserer Gesellschaft verankert ist, zeigt sich an den jüngsten Corona-Beispielen, in denen Homeoffice als adäquate Betreuungsalternative für Kinder galt und immer noch gilt. Dabei erlebt jeder, der versucht zu arbeiten und sich zeitgleich um (kleine) Kinder zu kümmern, dass es unmöglich ist. Nur mit einer großen Kraftanstrengung (wenig Schlaf/Arbeiten zu Randzeiten/kein Paar- oder gemeinsames Familienleben) ist dieses Konstrukt machbar und geht auf Dauer an die Substanz. Im Januar endlich kam auch von Familienministerin Giffey die Aussage, dass Homeoffice und Homeschooling zusammen nicht geht. Arbeiten und gleichzeitig Kinder betreuen ist nicht vereinbar. Weiter machen müssen wir es trotzdem.

Vereinbarkeit ist (noch) ein privates Problem

Anstatt das System zu kritisieren oder einzusehen, dass Sorgearbeit erstens wichtig und zweitens zeitaufwendig ist, poppen von allen Seiten Tipps und Tricks auf, wie Betroffene besser mit der Situation umgehen können. Ich sag nur so viel: ihr braucht Struktur und schraubt eure Ansprüche zurück. Das mag für den Moment richtig und wichtig sein, langfristig braucht es eine Aufwertung und Gleichverteilung der Sorgearbeit. Da reicht auch nicht das Lippenbekenntnis von Frau Merkel, dass Familien der Kern unserer Gesellschaft sind. Das erinnert mich sehr an die Situation der Pflegekräfte: einmal klatschen und dann bitte zurück zum Alltag.

Was hat Equal Care mit Vereinbarkeit zu tun

Mal ganz einfach gesagt: Wenn ich nur halb so viel tun muss, habe ich mehr Zeit für anderes. Ich glaube sogar, dass es den Effekt verstärkt, dadurch dass die Mentale Last geringer wird. Durch geteilte Sorgearbeit, liegt die Verantwortung nicht nur in einem Kopf. Die klassischen unsichtbaren Themen, z.B. welche Termine anstehen, welches Kind neue Klamotten braucht und was noch alles im Kühlschrank ist, werden auf zwei Köpfe verteilt. Wenn ich nicht die Hauptarbeit bei der Sorgearbeit leisten muss, habe ich mehr Kapazitäten. Mehr Zeit, die ich in meine berufliche Entwicklung stecken kann. Mehr Zeit und mehr gedanklichen Freiraum, um alles, was ich in meinem Leben unter einen Hut bekommen möchte, auch darunter bekomme. Vereinbarkeit eben.

Wer Zuverdiener ist, hat den Stress

Genau genommen müsste es heißen – Die Zuverdienerin hat den Stress. Denn das Zuverdienermodell ist in Deutschland unter Familien das am verbreitesten. Meistens sind es die Frauen, die in Teilzeit arbeiten und zudem einen geringeren Stundenlohn erwirtschaften. 2018 waren 78% der Mütter erwerbstätig, 55% in Teilzeit. Was das finanziell für die Frauen und ihre spätere Rente bedeutet, lasse ich hier außen vor. Frauen reduzieren ihre Erwerbsarbeit, um die nicht vergütete Sorgearbeit zu übernehmen. Das ist auch der Fall, wenn beide Elternteile vermehrt zuhause sind. Während der Corona-Pandemie haben die Männer zwar mehr Arbeiten im Haushalt übernommen. Der Löwenanteil wurde weiterhin von den Frauen geleistet. Frauen sind die Familienmanagerinnen. Somit bleibt die ganze Mentale Belastung, die das Umsorgen kleiner Kinder mit sich bringt, bei einer Person hängen. Meistens der Mutter.

Frauen arbeiten mehr im Haushalt, im Schnitt 2,5h täglich. Selbst wenn beide Partner Vollzeit arbeiten, verbringen Frauen mehr Zeit mit der Haus- und Sorgearbeit als Männer.

Vereinbarkeit ist ein Frauenproblem

Wenn man bei Wikipedia nach Vereinbarkeit sucht, dann wird man auf den Artikel zu Interessenkonflikt weitergeleitet. Frau steht aktuell vor dem Interessenkonflikt: Kind oder erfolgreicher Job (ein bisschen überqualifiziert im unterbezahlten Job rumdümpeln ist problemlos möglich.) Um echte Vereinbarkeit zu erreichen, müssen wir dahin kommen, dass es keine Oder-Entscheidung mehr ist. Kind und Job. Bei Männern geht es doch auch. An den Frauen hängt es, diese beiden Bereiche zu vereinen. Und hier setzt Equal Care an. Die Rechnung ist ganz einfach: wenn Frau weniger Haus- und Sorgearbeit leisten muss, hat sie mehr Zeit sich um ihre finanzielle Unabhängigkeit und ihr berufliches Vorankommen zu kümmern. Neben der reinen Zeit, die durch die eine gerechte Aufteilung bleibt, wird auch die mentale Last geringer.

Mental Load macht Vereinbarkeit unmöglich

Stell dir vor, du bist Projektmanagerin, hast die Kontrolle über alle anstehenden To-dos, koordinierst die Ressourcen und bist dafür verantwortlich, dass der Laden läuft. Gleichzeitig übernimmst du alle anfallenden Aufgaben … Unmöglich. Wäre das im Berufsleben so, würden wir zum/zur Vorgesetzen gehen und sagen, dass das nicht geht. Im Privaten tolerieren die meisten Frauen diesen Zustand. Die Projekte „Kinder“ und „Haushalt“ sind komplett im Kopf der Frauen. Dass das überlastet ist klar. Dass so kein Gefühl von Vereinbarkeit oder gar beruflichem Fortschritt aufkommen kann ist auch logisch. Dennoch versuchen sich viele Frauen an diesem Spagat. Und brennen langsam aus.

Equal Care als Grundlage für Vereinbarkeit

Geteilte Aufgaben und geteilte Verantwortung machen den Kopf frei. Bei der geteilten Sorge- und Hausarbeit ist eine echte Begegnung auf Augenhöhe möglich. Sowohl in der Partnerschaft als auch auf beruflicher Ebene. Wer nicht ständig einen ganzen Projektkatalog im Kopf herumträgt, strahlt eine ganz andere Energie aus.

Was du tun kannst, wenn eure Care-Arbeit noch nicht gleichberechtigt ist

Vereinbarkeit beginnt am Küchentisch. Bist du überlastet und kommst beruflich nicht voran? Dann teilt die Care-Arbeit auf. Wirklich auf, so dass auch das dahinterliegende Projektmanagement die Seiten wechselt. Das ist mitunter anstrengend, aber lohnenswert. Für eine erste Bestandsaufnahme eurer Arbeitsteilung kannst du dir den Mental Load Selbsttest herunterladen. Für eine gerechtere Arbeitsteilung. Equal Care eben.