Gleichberechtigte Partnerschaft – Eltern als Team!

Hier erzählen Paare, wie sie ihr Leben mit Kindern und Job meistern

Linda und David

In Deutschland ist das klassische Zuverdiener-Modell am verbreitetsten. Meistens ist der Mann der Hauptverdiener und die Frau kümmert sich hauptsächlich um Haushalt und Kinder und geht zusätzlich in Teilzeit arbeiten. Mit Gleichberechtigung hat das wenig zu tun. Mit dieser Serie möchte ich vorstellen, dass es anders geht. Es gibt sie, die gleichberechtigten Paare, die das Familienleben gemeinsam wuppen. Hier ist eins von ihnen.

In welcher Lebensphase befindet ihr euch gerade?

David: Wir sind aktuell wieder normal im Berufsleben nachdem wir den Wiedereinstieg gut gemeistert habe. Es ist das erste Kind.

Linda: Unser Sohn ist nun ein Jahr alt. Er ist unser erstes Kind. David hat sich zwei Wochen vor und fünf Wochen nach der Geburt frei genommen. Zusammen haben wir eine Hochzeit fotografiert als Liam sechs Wochen alt war. Die stand ein Jahr vorher schon fest und wir wollten sie nicht absagen. David hatte Liam die meiste Zeit im Tragetuch und hat mit ihm zusammen fotografiert. Ich hatte mein erstes Shooting drei  Monate nach der Geburt und dann das erste halbe Jahr ca. ein Shooting pro Woche.

Wie teilt ihr euch auf und wie kam es dazu?

David: Möglichst 50/50, auch wenn es in der Realität doch eher 60/40 sein wird. Manche Dinge, wie Stillen oder andere Bedürfnisse kann ich als Vater leider nicht erfüllen. Hier versuche ich jedoch möglichst andere Aufgaben zu übernehmen.

Wir haben eine gleichberechtigte Partnerschaft und finden Selbstverwirklichung im Beruf wichtig. Den Kinderwunsch haben wir zusammen gehabt, daher sollten wir auch zusammen die Aufgaben aufteilen. Durch unsere Selbstständigkeit ist dies auch möglich. Die Zeit mit meinem Sohn ist mir wichtig. Ich möchte nicht nur sehen, wie er aufsteht und dann Abends wieder ins Bett gebracht wird. Die Zeit mit ihm ist wichtiger als mein Leben mit noch mehr Arbeit zu verbringen.

Zusätzlich haben wir Vorbilder in unserem Freundeskreis, die dies bereits schon vorgelebt haben und bei denen es auch gut klappt.

Linda: Wir versuchen uns 50/50 aufzuteilen, was das erste Jahr schwierig war, weil ich sehr lange voll gestillt habe. Aber auch das hat funktioniert. David und Liam sind mir oft auf Jobs gefolgt oder sind mal eben zum stillen in den Coworking Space gekommen. Alles etwas umständlich, und besonders für David anstrengen. Aber machbar war es.

Im Moment wechseln wir uns so ab das jeder einen halben Tag arbeitet und einen halben Tag Liam betreut. Wer vormittags oder nachmittags arbeitet wechselt täglich. Ob man in seiner Kinderfreien Zeit arbeitet oder frei macht ist jedem selbst überlassen. Frei machen fällt uns allerdings schwer, denn wir haben mit Kind natürlich weniger Arbeitszeit als vorher und möchten unsere Ziele trotzdem erreichen. An der Work-Life-Balance arbeiten wir noch ;)

Einen Tag in der Woche haben wir gemeinsam frei.

Wie es dazu kam, kann ich nicht genau sagen. So genau kann ich mich da nicht dran erinnern, wie und ob sich meine Einstellung zu meiner Arbeit geändert hat. Für mich war immer klar das ich arbeiten und mich nicht nur um die Betreuung und den Haushalt kümmern möchte. Ich kann mir wirklich nicht vorstellen, wie es wäre mit Kind angestellt zu sein. Man braucht so viel Flexibilität, um für sein Kind dazu sein, ich weiß nicht wie angestellte Eltern das schaffen.

Welche Widerstände gibt es? Was ist euer größter Upfuck?

David: Es muss alles geplant werden, ansonsten stellt man schnell fest, dass es im Zusammenspiel nicht klappt. Den Fehler haben wir am Anfang öfter gemacht.

Der größte Upfuck ist eine schlechte Nacht, wenn er einfach nicht gut schlafen kann. Danach sind wir ggf. alle Drei verschlafen und nicht gut drauf.  Mit so einem Start in den Tag ist es schwer den dann existierenden Plan normal durchzuziehen. Da muss dann doch spontan umgestellt werden. Wir sind dann alle nicht mehr so tolerant und es wird schnell emotional.

Linda: Was mich wirklich überrascht hat ist eher ein privater Aspekt und zwar wie wenig Zeit man für seinen Partner hat. Wenn wir Zeit haben dann arbeiten wir, oder jeder möchte für sich mal seine Ruhe haben. Da wir auch von zu Hause arbeiten können wann wir wollen und es immer zu tun gibt, bleibt die Partnerschaft viel zu oft auf der Strecke. Daran arbeiten wir gerade. Wie gesagt, Work-life-balance ist noch nicht so wie wir es gern hätten.

Welche Gedanken habt ihr euch vor der Elternzeit gemacht?

David: Eine richtige Elternzeit haben wir nicht gehabt. Da wir selbstständig sind, habe ich mir ca. 2 Monate ohne Fotokurse genommen. Das Elterngeld haben wir so beantragt, dass es für einen langen Zeitraum der Mindestsatz ausgezahlt wird. So war es für uns am sinnvollsten umsetzbar. Linda hat vor der Geburt und einige Monate danach keine Aufträge angenommen, jedoch trotzdem Dinge für ihr Business überlegt und geregelt. Für Linda war es wichtig, dass es bei ihr auch bald wieder losgehen kann und die Pause nur kurz ist.

Linda: Wir haben uns viel Gedanken gemacht wie, ob und wieviel man mit Kind arbeiten kann. Und damit meine ich wirklich MIT Kind auf dem Job. Wir haben mit Liam in der Trage eine Hochzeit fotografiert und zuhause mit ihm auf dem Schoß am Laptop gearbeitet, während er geschlafen hat. Monatelang haben wir uns ausgemalt wie gut das alles funktionieren würde und ab wann wir wieder Aufträge annehmen können. Am Ende kann man das nur spontan je nach Kind entscheiden wenn es da ist.

Womit habt ihr zu kämpfen, wenn es um den Wiedereinstieg in den Beruf geht?

David: Die Unplanbarkeit war das größte Problem. Wir müssen mindestens ein bis zwei Monate im voraus planen, was jedoch nach der Geburt eine große Unbekannte war. Wie viel Zeit brauchen Liam und Linda? Können wir normal schlafen und ich dann auch nach einer Weile wieder arbeiten? Dann ging es um Lindas Einstieg, was auch bedeutete, dass sie einige Stunden weg ist und ich mit ihm alleine. Sie hat zu dem Zeitpunkt noch voll gestillt und es war daher nicht klar, wie gut er damit klar kommt. Die Flasche war nach einer Zeit kaum noch eine Option. Hier gab es schon mal das Problem, dass sie schnell (aber nicht vorzeitig) nach Hause kommen musste um ihn wieder zu beruhigen.

Linda: Mit der Planung. Gerade beim ersten Kind kann man sich nicht vorstellen wie schnell man das Kind alleine lassen kann oder wann man selbst wieder fit ist. Oder auch ob man (so früh) überhaupt arbeiten gehen möchte. Mein früher Start ist im Vergleich eher ungewöhnlich. Da ich aber nur für ein paar Stunden weg bin und den Rest zuhause erledigen kann, war das für uns kein Problem. Ansonsten ist man natürlich auch immer etwas angespannt und guckt öfter mal aufs Handy oder fragt nach ob alles ok ist.

Was beschäftigt euch am meisten beim Thema „Arbeiten mit Kindern?

David: Die finanzielle Planbarkeit ist für uns als Selbstständige leider kaum gegeben. Wir haben wegen des Elterngelds mehrere Experten befragt. Alle waren jedoch ein wenig damit überfordert für zwei Selbstständige ohne ständiges Einkommen Rat zu geben. Wir haben zudem eine Art Saisongeschäft, in dem es im Sommer besser läuft als im Winter.  Elternzeit ist ja nur für Angestellte relevant, daher mussten wir selber eine Zeit festlegen, in der wir keine Aufträge annehmen oder berufliche Dinge planen. Als Selbstständigen ist so eine Pause ggf. schon gefährlich, wenn die Kunden monatelang nichts von einem hören. Ich würde mir hier eine klare und einfach finanzielle Unterstützung wünschen, die sich mehr an der Realität orientiert und nicht noch viel mehr Probleme bereitet.

Linda: Wie kann ich am effektivsten und produktivsten arbeiten? Das ist eigentlich immer die Frage und die Antwort ändert sich alle paar Monate, da sich Liam und seine Bedürfnisse sehr schnell verändern. Ich würde mir ein breiteres Betreuungsangebot wünschen. Wir hätten Liam gern für ein paar Stunden die Woche betreut (höchstens 10) aber das ist in Köln schwierig zu finden.

Linda und David sind beide selbständig und teilen sich Sorge- und Erwerbsarbeit 50/50 auf.

Linda ist Fotografin. Sie fotografiert Familien und setzt Selbständige ins rechte Licht. (Zu Lindas Familienportraits / Zu Lindas Businessportraits)

David ist Fotograf und gibt online und offline Fotografiekurse auch für Handyfotografie (Zu Davids Kursen)

Wie hat sich deine Einstellung zu deiner Arbeit mit der Geburt deines Kindes verändert?

David: Ich sehe die Arbeit auf zwei verschiedene Weisen etwas anders. Einerseits möchte meinem Sohn irgendwann vermitteln können, was ich tue und warum ich das für mein Leben und das Anderer wichtig finde. Ich möchte nicht nur Geld verdienen sondern anderen helfen. Andererseits ist das Geld von meinem Job auch dafür da, mir Zeit und eine gewisse Sorglosigkeit mit meinem Sohn zu erkaufen. Je besser es im Job läuft bei weniger Zeitaufwand, desto längere, entspanntere Zeit können wir zusammen verbringen.

Linda: Rückblickend frage ich mich, was ich mit meiner Zeit angefangen habe und warum ich im Job nicht noch viel weiter bin. Meine Einstellung zu meiner Arbeit an sich hat sich nicht groß geändert. Die Arbeit fühlt sich manchmal eher als Auszeit an. Meine Art Familien zu fotografieren hat sich ein wenig verändert, da mir besser vorstellen kann worauf meine Kunden wert legen.

Wo hat euch das Leben mit Kind überrascht? Was habt ihr euch ihre anders vorgestellt? Wo kommt ihr an eure Grenzen?

David: Ich bin überrascht, wie wenig Zeit man aktuell hat und wie viel Zeit wir bereits als Paar ohne Kinder hatten. Rückblickend bin ich sehr neidisch :) Das liegt natürlich auch an unserer 50/50 Aufteilung und daran, dass wir bisher keine große Betreuung von Extern haben. 1 pro Woche kommt mal ein Familienmitglied vorbei, der ihn für ein paar Stunden nimmt.

Durch die wenige Zeit und den Wunsch in der Selbstständigkeit an die alten Erfolge oder auch Arbeitsweisen anzuknüpfen kommen wir schon mal an unsere Grenzen. Ich denke teilweise immer noch wie ein Selbstständiger ohne Kind, der jeden 24/7 so viel arbeiten kann, wie er möchte. Das geht an der Realität der 50/50 Aufteilung und meiner 6 Tage Woche (1 Tag Familientag, Mittwochs) ziemlich vorbei. Das sorgt schon mal für eine falsche Planung auf meiner Seite. Auch eine spontane Planänderung, wenn einer krank ist oder die Nacht nicht gut war, bringt einen schön mal schnell an die Grenzen.

Linda: Ich komme besonders gerade an meine Grenzen, wenn ich eigentlich Arbeitszeit habe, Liam aber lieber zu mir möchte. Zuhause arbeiten klappt immer weniger gut. Er geht natürlich immer vor, gleichzeitig stresst es mich, das die Arbeit zu kurz kommt. Ich gehe jetzt öfter in meinen Cowoking Space als noch vor ein paar Monaten.

Welchen Tipp würdest du gerne allen Müttern mitgeben?

David: Bestehe darauf, dass deine Selbstverwirklichung im Job genauso wichtig ist, wie die von deinem Mann. Du musst als Mutter gegebenenfalls eh am Anfang mehr leisten (z.B. wie bei uns, wenn du voll stillst. Von der Schwangerschaft und Geburt natürlich ganz abgesehen). Das ist aber nicht jedem Mann klar, wie groß diese Aufgabe ist, also erwarte nicht sofort, dass er es versteht, auch wenn er ja sagt.

Linda: Als Tipp möchte ich anderen Müttern auf den Weg geben immer darauf zu bestehen, dass die Arbeit und Mental Load gerecht aufgeteilt ist (das muss nicht immer 50/50 sein, aber jeder sollte zufrieden sein) Auch wenn es sich nach einer Zeit die Grenze wieder verschiebt, bleibt dran und überprüft regelmäßig ob ihr mit der Aufteilung zufrieden seid. Übernehmt nicht Dinge, weil es in dem Moment einfacher ist. Niemand wird kommen und euch von selbst 50% der Arbeit abnehmen. Besonders wenn ihr dem Mann das Gefühl gebt „er könnte das eh nicht“.

Welchen Tipp würdest du gerne allen Vätern mitgeben?

David: Dein Kind wird in den ersten Jahren sehr stark für sein ganzes Leben geprägt. Möchtest du, dass es von dir geprägt wird oder von anderen? In diesen Jahren kennt dein Kind nur eine Währung: Zeit, Liebe, Berührung und die Stillung der Grundbedürfnisse. Also gib ihm genau das.

Geld: Du musst nicht mehr der Ernährer der Familie sein. Ihr seid ein Team, also teilt euch die Verantwortung. Sie hat das gleiche Recht wie du,  sich selbst zu verwirklichen.

Linda: Ein gemeinsames Kind ist nicht nur Frauensache. Teilt euch gerecht auf, kommuniziert offen und fragt nach, Frauen tendieren dazu die Arbeit allein auf sich zu nehmen. Seid offen neue Dinge zu lernen und macht euch bewusst wie besonders diese Zeit mit Kind ist.

Du lebst auch ein gleichberechtigtes Familienmodell und ihr teilt euch Erwerbs- und Sorgearbeit fair auf? Wenn ihr Teil der Rollenvorbilder-Serie werden wollt, schreib mir.

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